Geschichte im Essener Norden

 

Die Bauerschaft Vogelheim & die Familie Schulte Vogelheim

Wie die Industrie sich  entwickelte:  von der Kohle  zum  Eisen und zum Aluminium

Auf der Bottroper Straße, von der Hafenstraße bis zur Stadtgrenze Bottrop, fahren wir an einem großen Gewerbegebiet vorbei. Die Hauptdurchgangsstraße ist die Econova Allee, die bis zum Stadthafen führt. Hier haben sich viele Firmen und Handwerksbetriebe angesiedelt. Viele, die hier arbeiten, werden kaum wissen, dass hier ehemals ein uraltes, fruchtbares Land mit Bauernhöfen und zwei Adelssitzen aus dem 13. Jahrhundert, Haus Horl und Haus Heck, war. Der Mühlenbach, die Berne und die Emscher  flossen in vielen Windungen durch diese Ebene.

„Nach alten Zeugnissen über die Marken des Stiftes Essen gehörte der Hof Vogelheim zu den Urhöfen des Essener Landes und seine Aufsitzer zu den freien germanischen Geschlechtern. Noch unter dem großen Kaiser Karl leisteten sie als Inhaber eines vierfachen Hofes persönlich Heeresfolge und erschienen als freie Krieger auf dem Maifeld der Reichstage“.
Aus dem Archiv von Nikolaus Kindlinger, der von 1796 bis 1802 Stiftsarchivar in Essen war.


In alten Urkunden, die Kindlinger noch zur Verfügung standen, werden diese Wappenschilder nicht nur von adeligen Familien, sondern auch von alten Bauerngeschlechtern geführt: genannt  werden 1272 Gerhard von Vogelheim,  1294 Goswin von Vogelheim, 1312 Herrmann de Vogelheim.  Solche Wappenschilder in Spitzform sind noch im Landesarchiv in Düsseldorf an Urkunden zum Geschlechte „Vogelheim“ vorhanden. 1272 wird Gerhard von Vogelheim auch als Zeuge benannt.
In einer Originalurkunde vom 26. März 1318 des Erzbischofs Heinrich von Köln an die Äbtissin Beatrix von Essen über eine Erbfolge werden Gerhard und Lambert von Vogelheim genannt. In weiteren Urkunden werden Verbindungen zu Höfen in Dellwig, Borbeck, Altenessen und Katernberg aufgeführt.


In einer Urkunde vom 5. Juni 1376 wird berichtet, dass die Geschwister Vogelheim eine Rente  an Wessel von der Knippenborgh  (Bottrop) verkaufen. Zitat: „Von diesen Knippenborghern sind die Vogelheimer nicht mehr losgekommen. Bald verkaufen sie auch ihren Stammsitz an die Knippenborgher, d.h. das Lehnsrecht; fortan behalten sie ihren Stammhof nur als behandigte Bauern. Die Knippenburger bleiben die Landesherren. Beim Teilungsrezess von 1830 erscheint eine Freifrau von Asbeck  als Besitzerin der Knippenburg und Landesherrin von Vogelheim.  Es gibt noch viele Urkunden über Erbfolge der Vogelheimer in den Archiven.

Die „Stammtafel“ der Familie Schulte Vogelheim in Vogelheim wurde nach den Standesregistern der St. Dionysius Pfarrgemeinde in Borbeck erstellt. Die Standesregister gibt es seit 1675. Sie enthalten in vielen Bänden jeweils die Tauf-, Sterbe- und Heiratseintragungen. Es gibt kein einheitliches Schema, jeder Pfarrer machte auf seine Weise die Eintragungen. In der Regel wurden nur Namen genannt, Stand, Gewerbe und Wohnort fehlen immer. Auch der Herkunftsname der Frauen wird nicht genannt. Oft sind aber über die Taufpaten der Kinder die Namen zu finden,  sogar der Vermögensstand ist daraus zu erkennen.  Ab 1782 werden die Eintragungen in „schwere Bücher“, die von der Äbtissin gestiftet wurden, umfangreicher. Nur in Borbeck fehlen die Jahre 1804 + 1805 + 1806 vollständig. Die Listen werden im Pfarrarchiv von St. Dionysius aufbewahrt. Der Familienname Vogelheim ist dabei immer gleich geblieben. Der Hof Vogelheim war nicht zu besonderen Kirchenleistungen verpflichtet, darum ist er auch in Abgabelisten nicht zu finden. Interessant ist, dass in den alten Heiratslisten immer als Name „Schulte zu Vogelheim“ eingetragen wird. Erst viele Jahre später entfällt das „zu“ und es wird Schulte Vogelheim eingetragen. Die Heiratslisten enden 1878.

Kurze Zusammenfassung einer Forschungsarbeit mit 29 Seiten von Heinrich Schulte an       Frau  Schulte Vogelheim vom 18. Februar 1931. Es wird nur die Familiengeschichte aufgeführt, zur  Größe und Lage des Hofes Vogelheim gibt es keine Angaben
Vielen Dank an Monika Schulte Vogelheim, die mir die Arbeit am 17.März 2023 übergeben hat.

Die Entwicklung der Industrie in Vogelheim

Der Mühlenbach, die Berne und  die Emscher sind Flachlandbäche. Um 1850 schlängelten sie sich in vielen Windungen durch Vogelheim. An einigen Stellen sind sie gestaut worden, um Wassermühlen anzutreiben. An der Econova Allee Nr.1 sind 1990 auf einem großen Parkplatz einer Maschinenbaufirma Werkshallen erweitert worden. Dabei wurden Mauerreste und Pfahlgründungen der alten Wasserburg Haus Horl gefunden. Hier verlief früher der Borbecker Mühlenbach.  Ein Stück des ursprünglichen Wassergrabens war noch zu erkennen. Es ist auch ein Mühlstein gefunden worden, der wahrscheinlich von der Wassermühle stammt, die dort mal vorhanden war. Die Ur-Berne verlief ca. einen Kilometer nördlicher an Haus Heck vorbei. Dort ist heute die Aluminiumhütte. Von der Wasserburg und der alten Berne gibt es nichts mehr.


1842 haben Gewerke Grubenfelder südlich vom Bahnhof Altenessen erworben. 1845 wurde mit dem Abteufen des Schachtes Anna begonnen. Die Zeche ist 1847 vom neu gegründeten Kölner Bergwerksverein übernommen worden. Das Grubenfeld wurde nach Norden erweitert bis zur Emscher, und umfasste ganz Altenessen und Vogelheim. 1872 ist die Gewerkschaft Emscher gegründet worden, sie begann 1873 mit dem Abteufen des Schachtes Emscher 1 in der Emscheraue nördlich von Vogelheim und förderte 1877 die erste Kohle zu Tage. Als erster Grubenbetrieb im Ruhrbergbau ist die Schachtanlage mit feuersicheren Gebäuden ausgestattet worden und erhielt ein eisernes Fördergerüst. 1888 bis 1892 ist der Schacht Emscher 2 abgeteuft worden. Die Anlage war wirtschaftlich sehr erfolgreich, da hier hochwertige Kokskohle gefördert worden ist. Mit dem Bau der Colonie Emscher für die Bergarbeiter begann in Vogelheim eine neue Zeit.

Als Zeichen der Energiekrise erschienen 1973 Fotos von Kohlebergen vor dem Förderturm Emscher in der Presse. Die Schachtanlage Emscher wurde abgerissen. Heute erinnern nur noch drei Protego-Hauben daran, dass hier in Vogelheim fast 100 Jahre lang Kohle gefördert wurde. Eine Epoche war zu Ende.

Ab 1860 sind die Abwässer der Stadt Essen und der Industrie ungeklärt in die Berne geleitet worden. Ein klarer, fischreicher Bach entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer stinkenden Kloake. Es kam zu einem über 30 Jahre währenden Rechtsstreit zwischen der Gemeinde Altenessen und der Stadt Essen. Erst durch die Gründung der Emschergenossenschaft 1899 und den Umbau der Emscher und ihrer Nebenbäche zu Betonabwasserkanälen wurde das Problem gelöst.

Die Stadt Essen war schon ab 1905 an einem Kanalprojekt im Norden interessiert, um Güter, vor allem Kohle, auf dem Wasserweg zu befördern. Für den geplanten Kanal mit einem Hafen hatte die Stadt Essen viele Bauernhöfe aufkaufen lassen. 1915 ist Borbeck und damit auch Vogelheim nach Essen eingemeindet worden, somit hatte die Stadt die Planungshoheit. Der Essener Stadthafen wurde in mehreren Bauabschnitten 1934 fertig gestellt. Auf der ehemaligen großen Waldfläche der Borbecker Mark und der Bauerschaft Vogelheim entstand am Kanal und am Stadthafen ein neues großes Industriegebiet.


Krupp Hochofenwerk am Kanalhafen 1929


Nach dem Bau des Rhein Herne Kanals erwarb Krupp 1911 dort ein großes Gelände für den Bau eines Hüttenwerks und konnte so Erz auf dem Wasserweg billig transportieren. 1917 baute Krupp ein  Martinstahlwerk dazu und 1922 ein modernes Walzwerk. 1920 – 21 baute Krupp einen eigenen Stichhhafen am Kanal aus. Von 1927 bis 1929 ist die Hochofenanlage errichtet worden, die Alfred Krupp schon lange vorher bei seinen Werken in Essen geplant hatte.

Im Krieg wurde das Hüttenwerk stark beschädigt. Die noch vorhandenen Anlagen wurden demontiert, und als Reparationsleistung in die Sowjet-Union gebracht. Erst Ende der 50er Jahre sind die letzten Ruinen abgebrochen worden.

1959 ist an dieser Stelle eine Krupp-Rennanlage errichtet worden. In vier Drehrohröfen wurden Erze mit geringen Eisenanteilen, die überwiegend aus Salzgitter kamen, aufbereitet für den Einsatz in Hochöfen. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die Anlage 1962 stillgesetzt und abgebrochen.


1969 ist auf dem ehemaligen Krupp-Gelände eine Aluminium-Hütte gebaut worden. Sie ist heute der einzige Industrie-Großbetrieb in Essen. Mit 750 Mitarbeitern werden hier 500 000 Tonnen Aluminiumprodukte erzeugt. Der 185m hohe blau-weiße Kamin ist eine weithin sichtbare Landmarke.

Vor 125 Jahren gab es in der Borbecker Mark und der Bauerschaft Vogelheim entlang der Emscher ein großes Waldgebiet mit Eichen und Buchen, hierdurch flossen drei Bäche zur Emscher. Zwei alte Wasserburgen, Haus Horl und Haus Heck und viele alte Bauernhöfe gab es hier. Die Wasserburgen sind abgerissen worden, die Höfe verschwanden. Der Bachlauf der Berne  und des Mühlenbachs wurden zusammengelegt. Heute gibt es keine Spuren mehr von dieser alten Kulturlandschaft. Alles ist weg!


Quellen Auswahl: 

Heinrich Schulte, Forschungen zur Familiengeschichte Schulte Vogelheim, 1931, mit Familien  Wappen,
Historischer Verein für Stadt und Stift Essen, „Die Marken in den Stiften Essen und Rellinghausen“ 1926

Fotos: Krupp Monatsheft, Oktober 1929 und eigene Aufnahmen
04.09 2023   Altenessener Geschichtskreis, Günter Napierala