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Die Viehofer Mark. 

Ein Rückblick auf die Geschichte des Essener Nordens

Mark ist eine alte Bezeichnung für Grenzgebiete. In dem Begriffen Markstein oder Gemarkung ist dieses Wort heute noch gebräuchlich. Der nördliche Teil des Stiftes Essen – das heutige Altenessen – war Grenzgebiet zum Vest Recklinghausen.

Der Viehof war ein Oberhof des Stiftes Essen und lag unmittelbar vor dem Viehofer Tor. Er war der bedeutendste Oberhof, und er geht auf den Gründungshof des Stiftes Essen zurück. Nach diesem Hof hat dieses Gebiet den Namen „Viehofer Mark“ erhalten.

Die Viehofer Mark war ein urwüchsiges, unkultiviertes Gebiet mit Buchen-, Eichen- und Erlenwäldern und weiten Heideflächen. Sie wurde im Westen von der Borbecker Mark, im Norden von der Emscher und im Osten von der Stiftsgrenze eingegrenzt.

Die Mark war Gemeinschaftseigentum der Hofbesitzer und Kötter, die dort wohnten, des Stiftes Essen und anderer Markgenossen. Sie hatten ein gemeinsames Nutzungsrecht nach Anteilen. Hauptnutz-nießer war aber der Viehof und damit das Stift Essen. Durch diese Mark führte der Weg von Essen nach Horst, die spätere Essenhorsterstraße, heute die Altenessener Straße.

Über viele Jahrhunderte bestand die wirtschaftliche Nutzung in der Holzgewinnung zum Bauen und Brennen sowie zur Viehhaltung. Die Nutzungsrechte waren genau geregelt. Beispiele:

 ·         Es gab das Recht, die Wildpferde im Emscherbruch einzufangen;

·         Schafherden zu weiden und Ställe zu errichten,

·         Im Herbst Schweine zur Eichel- und Buchenmast einzutreiben.

 So hatte das Stift Essen das Recht, jeden Herbst 30 Schweine zur Mast einzutreiben.

Im Laufe der Jahrhunderte gab es durch Erbteilung und Zwistigkeiten zwischen Stift und Stadt Essen viel Ärger über die Nutzungsrechte, die oft handgreiflich ausgetragen wurden. Auch Gerichtsverfahren wurden geführt. Bekannt sind Verfahren und Vergleiche aus den Jahren 1549, 1565, 1665, 1691 und 1743.

Zu beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Wunsch laut, die Viehofer Mark aufzuteilen und das Land urbar zu machen. Der Grund lag vorzugsweise in der wachsenden Bevölkerung.

Die Aufteilungsverhandlungen waren äußerst schwierig. Sie zogen sich über viele Jahre hin. Die erste Verordnung erließ das Oberlandesgericht in Cleve am 20. Januar 1816, die Teilung erfolgte endgültig mit der Unterzeichnung am 20. April 1831.

Bei dieser Teilung wurde ein Drittel des Grundwertes der Stadt Essen und den von ihr abzufindenden Berechtigten zugesprochen. Die übrigen zwei Drittel wurden auf Katernberg, Stoppenberg und Altenessen sowie auf andere Markberechtigten nach den Anteilen verteilt.

 Kotten in der Viehofer Mark (Fünfhöfestraße)

Die Teilung hatte weit reichende Folgen. Das Land wurde urbar gemacht und intensiv land- wirtschaftlich genutzt. Wälder und Heideflächen verschwanden bis auf einen geringen Rest. Die Landschaft veränderte sich völlig. Die letzten Wildpferde wurden 1834 eingefangen. Die nachhaltigste Veränderung trat nach 1840 ein. 1845 wurde mit dem Abteufen der Schächte Neuköln und Anna begonnen. 1855 kamen Schacht Heinrich und 1873 die Emscherschächte hinzu. Die Landwirtschaft wurde bis auf wenige Reste von der Industrie verdrängt.

Nur noch wenige Straßennamen erinnern heute an die Mark. Die Schnieringstraße hat ihren Namen nach einem alten Kotten. Die „Rahmheide“ und „Böhmerheide“ erinnern noch an die Heideflächen. Der Teilungsweg hat seinen Namen von der Teilung der Viehofer Mark erhalten. An die vielen Wildpferde im Emscherbruch erinnern noch die Namen Wildpferdehut und Strickerstraße. Am „Schlagbaum“ war ein mit einem Tor versehener Weg in die Mark. 

Östlich der Viehofer Mark lag die Barkhover Heide. Bis in die 1960 er Jahre war dort noch etwas vom ursprünglichen Zustand des „Emscherbruchs“ vorhanden. Mit der Ablagerung der Waschberge in diesem Gelände zur Schurenbachhalde und dem Bau der A 42 verschwand auch dieser kleine Rest der Heide.     

Spielende Kinder - Foto aus der „Sammlung Archiv Barkhof“

Zum Foto: wo der Teich mit den spielenden Kindern ist, verläuft heute die A 42. Das Haus rechts befindet sich direkt hinter der A 42 – Brücke. Auf der linken Seite ist die Schurenbachhalde. Dort ist heute der Treppenaufgang zur „Bramme“. Über die Eisenbahnbrücke verlief die Strecke von Zollverein nach Nordstern. Darüber sind auch die Waschberge zur Halde transportiert worden. Nach dem Ende des Bergbaus wurde diese Eisenbahn nicht mehr gebraucht. Die Gleise sind abgebaut worden. Heute verläuft auf dieser Trasse ein „Superradweg“ vom Rhein-Herne-Kanal bis nach Zollverein. Er wird gerne von Scatern und Radfahrern genutzt. Das Foto ist aus der „Sammlung Archiv Barkhof“.

Wenn Sie heute durch Altenessen am Alleecenter vorbeigehen oder fahren, auf der B 224 am Media-markt im Stau stehen, oder von der „Bramme auf der Halde“ rund um blicken, versuchen sie sich vorzustellen wie es hier gewesen ist und was sich in den letzten 150 Jahren alles verändert hat.

 

Literaturnachweise: - Auswahl -

„Die Marken in den Stiften Essen und Rellinghausen“ Dr. Wilhelm Wirtz, 1926
„Altenessen“ von Fritz Siebrecht, 1915
 

„Scholle und Schacht“ Nr. 14 1938
„Essener Straßennamen“ Erich Dickhof, 1979
Foto: Archiv Barkhof – Werner Bussick

 

9. Februar 2012 Günter Napierala

 


Haus Achtermberg,
ein vergessener Rittersitz aus dem „Altenessener Stiftsquartier“

An der Stadtgrenze Ge-Rotthausen und E-Kray steht ein mächtiges Torhaus: es ist das Tor der alten Wasserburg „Haus Achtermberg“. Der Name kommt von der Lage der Burg „hinter dem Berg“, damit war der Mechtenberg gemeint.

Um das Jahr 1000 gehörten viele Höfe in der Bauerschaft Rotthausen zum Frauenstift Essen. An einem  Weg von Rotthausen nach Süden, dem so genannten Rotthauser Hellweg lag am Schwarzbach das Lehnsgut „auf der Heege“, ein von einer Hecke umfriedeter Hof.  Neben diesem Gutshof wurde im 12. Jahrhundert  ein steinernes Haus gebaut mit massiven dicken Mauern und Nebengebäuden wie Scheunen, Ställen und Wohnungen für die Dienstleute. Es war von einer Ringmauer und einem Wassergraben umgeben. Davor stand ein fester Torbogen mit einer Zugbrücke. Diese Wasserburg wurde „Hekede achter dem Berg“ genannt. Neben der Burg stand eine Wassermühle, die an einen Müller verpachtet wurde. Der Müller klagte aber oft darüber, dass der Schwarzbach zu wenig Wasser führte und er deshalb die Pacht nicht zahlen konnte.

Haus Achtermberg ist viele Jahrhunderte ein adeliger Rittersitz gewesen. Dazu gehörten  Bauernhöfe in Katernberg, Schonnebeck, Rotthausen und Kray. Bekannte Essener Adelsfamilien hatten auf dieser Wasserburg ihren Sitz: im 14. Jahrhundert waren es die Herren von Heege, dann die Familie von Asbeck. Durch Erbfolge kam sie dann an die Familie Wendt von Hardenberg. Nach einer Erbteilung von 1750 ist das Land verkauft worden, unter anderem an die Jesuiten von Essen, die es verpachteten.
Unter der Herrschaft der Äbtissinnen von Essen hatten die Bauern in Rotthausen von den Veränderungen in der Welt nur am Rande etwas mitbekommen. Das änderte sich 1803 mit der Auflösung der geistlichen Fürstentümer. Das Stift Essen wurde Teil des Königreiches Preußen. Rotthausen kam zur Bürgermeisterei Altenessen. Erster Bürgermeister wurde Bernhard Radhoff, der in Stoppenberg in einem Wirtshause einen wöchentlichen Geschäftstag einrichtete. Durch die Industrialisierung stieg die Bevölkerung so stark an, dass Rotthausen 1906 aus der 1876 errichteten neuen Bürgermeisterei Stoppenberg ausschied und bis zur Eingemeindung nach Gelsenkirchen 1924 eine selbständige Bürgermeisterei im Landkreis Essen im Rheinland war. Bei der Eingemeindung nach Gelsenkirchen und damit nach Westfalen hat man versucht, die neuen kommunalen Grenzen wegen der Bergschäden mit den Grubenfeldern der Zechen in Übereinstimmung zu bringen. Die Grenze zwischen den Zechen Dahlbusch und Bonifazius ging genau am Haus Achtermberg vorbei. Und so kam es, dass durch die neue Gemeindegrenze dieser alte Rittersitz, wie alle Jahrhunderte l vorher, nicht mehr in  Rotthausen, sondern in Kray lag.


Haus Achtermberg, Postkarte ca. 1900 – Aus Meyer – Stoppenberg
Es zeigt das alte Gutshaus vor dem Brand von 1905

Haus Achtermberg ist 1901 von der Gelsenkirchener Bergwerks-AG erworben worden. 1905 vernichtete ein von spielenden Kindern verursachter Brand alle Wohn- und Wirtschaftsgebäude.
Das Wohnhaus ist in einfacher Form wieder aufgebaut worden und wird heute noch bewohnt.
Nur das massive Torhaus aus dem 15. / 16. Jahrhundert blieb erhalten. Es ist 9 Meter breit und 11 Meter tief. Die Hof- und Straßenseite ist aus Sandsteinquadern von 40 x 40 x 90 cm gebaut. Beide Seitenwände sind aus Ziegelmauerwerk. Das Tor ist 5 Meter hoch. Das Dach besteht aus Holzbalken und ist mit Schiefer gedeckt. Beide Torwände haben an den Randsteinen zum Dach jeweils 5 Schmucksteine. 1999 war das Torhaus in einem sehr schlechten Zustand:  Dach und Mauerwerk waren durch Bäume stark beschädigt. In der Zwischenzeit – bis 2006 – ist es restauriert worden. Das Tor ist am 14.02.1985 in die Denkmalliste der Stadt Essen eingetragen worden.

Die  ca. 100 m lange Straße „Am Achtermberg“, an deren Ende das Torhaus liegt, ist für Autos nur von Gelsenkirchen zu erreichen.  Ein Versuch, diese kleine Straße wieder nach Ge-Rotthausen um zu gemeinden, scheiterte daran, dass damit auch die Grenze zwischen den Regierungsbezirken Düsseldorf und Münster verschoben würde. Karlheinz Rabas kann von vielen Problemen mit der Müllabfuhr, der Postzustellung und anderen Sachen durch diese „Grenze“  erzählen.


Torhaus im April 2006. Ansicht von der Hofseite. Die Bäume sind zurück geschnitten und das Dach neu gedeckt worden. Der Weg verläuft jetzt genau durch das Tor. Gut zu erkennen sind die fünf Schmucksteine an der Dachkante.

Das alte Torhaus ist für Wanderer gut zu erreichen. Vom „Zollvereinweg“ – führt der Abzweig kurz vor der Zeche Bonifazius in Richtung Rotthausen dahin. Der Weg ist gut ausgebaut und führt durch das Tor. Das mächtige Torhaus ist ein beeindruckendes Bauwerk der Essener Geschichte.
 
04.10.2013 Günter Napierala
 

Der nördliche Jakobsweg in Essen

Jakobswege verbinden Menschen, Orte und Geschichte miteinander. Der neue nördliche Jakobsweg in Essen fügt sich in diese Tradition nahtlos ein. Er führt von der Münsterkirche an der Kettwiger Straße über die ehemalige Rheinische Bahn bis zur Stadtgrenze Schönebeck und Heißen.

Ich habe am 4. Oktober 2014 eine Ökumenische Pilgergruppe aus Bochum-Harpen und einigen Teilnehmern aus Essen begleitet. Wir sind von der Münsterkirche an der Marktkirche vorbei zum Weberplatz und über die Friedrich-Ebert-Straße zur neuen „Grünen Mitte" gegangen. An einigen Stellen: Grüne Mitte – Krupp Park mit dem See – Niederfeldsee - habe ich aus der Essener Geschichte erzählen können.

Treffpunkt war das Atrium der Münsterkirche. Nach einer kurzen Einführung zur Geschichte des Stiftes Essen, seiner Gründung im Jahr 852, dem Bau der Münsterkirche mit einem besonderen Hinweis auf das Westwerk und unserer „Goldenen Madonna", war Gelegenheit zu einem kurzen Rundgang. Anschließend traf sich die Gruppe in der Nikolaus-Groß-Kapelle zu einer „Pilgerandacht mit Betrachtung und Liedern". An der Skulptur von Kardinal Hengsbach gab es dann noch eine kleine Diskussion über moderne Kunst.

Unser Weg führte über die Kettwiger- in Richtung Viehoferstraße. Durch die Kriegszerstörung und politische Entscheidungen sind nur noch wenige alte Bauten im Stadtkern vorhanden. Auf der linken Seite gegenüber der Marktkirche steht heute ein schmuckloses mehrstöckiges Geschäftshaus. An dieser Stelle stand seit dem Mittelalter das Essener Rathaus. Der neugotische Bau von 1885 wurde im Krieg beschädigt, aber im alten Stil wiederaufgebaut. 1964 wurde es nach einem Ratsbeschluss abgerissen. In diesen 79 Jahren waren viele Monarchen und bekannte Politiker dort zu Besuch. Die Firma Wertheim baute 1965 ein Warenhaus, es wurde 1987 wieder abgebrochen und durch ein anderes Geschäftshaus ersetzt. Viele Essener trauern heute noch ihrem Rathaus nach!

Die Marktkirche aus dem Jahr 1043 lädt als Offene Kirche zum Besuch ein. Hier wurde 1563, also vor 450 Jahren, die Reformation in Essen durch das Volk und den Rat durchgesetzt. Die Kirche wurde im Krieg durch Bomben stark zerstört, dann aber ohne den Turm wiederaufgebaut. An seiner Stelle errichtete man 2006 einen Kubus aus blauen Glasfenstern, der den Innenraum bei Sonne wunderschön ausleuchtet. Auf dem Platz vor der Kirche, wo heute das Denkmal von Alfred Krupp steht, war im frühen Mittelalter ein Friedhof. Bei Bauarbeiten werden immer wieder Reste alter Gräber gefunden.

Rechts, etwas unterhalb der Marktkirche am Flachsmarkt wurde 1910 – 1912 das „Keramikhaus" gebaut. Es erhielt seinen Namen, weil seine Fassade mit Reliefs aus Delfter Kacheln versehen war. Hier befand sich ab 1917 die Stadtbücherei. 1934 beim Umbau zum „Haus der Deutschen Arbeitsfront", DAF, ist der Keramikschmuck bis auf wenige Reste entfernt worden. Im Krieg wurde der Bau schwer beschädigt, nach dem Aufbau hatte „Westmöbel" hier große Ausstellungsräume. Nachdem das Möbelhaus auszog, war hier für einige Jahre die Zentrale der Aktion Adveniat. Zurzeit werden die oberen Etagen für Büros umgebaut.

Auf dem weiteren Weg kommen wir an der evangelischen Kreuzeskirche vorbei. Sie wurde gebaut, weil in den 1890er Jahren die Zahl der evangelischen Christen immer mehr zunahm. Die Einweihung fand 1896 im Beisein der Kaiserin Auguste Viktoria statt. Sie wurde bei einem Bombenangriff 1943 zerstört, und bis 1953 wieder aufgebaut. Die Zahl der Gemeindemitglieder ging ab 2000 stark zurück, das Geld für eine notwendige Renovierung konnte die Gemeinde nicht aufbringen. Neue Ideen waren gefragt: die Kirche wurde ab 2014 durch einen Investor als „Kulturzentrum" umgebaut. Sie wird auch weiterhin von der Gemeinde für Gottesdienste genutzt.

Unterhalb der Kreuzeskirche liegt der Weberplatz mit dem Haus der Begegnung. Es ist 1913 von der Evangelischen Gemeinde als Ledigenheim für Arbeiter gebaut worden. 1930 hat es die Stadt Essen gekauft und als Bürogebäude genutzt. Im Krieg wurde es stark beschädigt und in vereinfachter Form wieder aufgebaut. Seit mehr als 25 Jahren ist es die zentrale Begegnungsstätte für die „Arbeitgemeinschaft Selbsthilfe behinderter Menschen" in Essen.

 

Die erste Jakobsmuschel am Ende der Viehofer Straße zeigt uns  den Weg zur Rheinischen Bahn.

Wir überqueren die Friedrich-Ebert-Straße und kommen in den „Segeroth", heute die neue „Grüne Mitte Essen". Als um 1840 die Zeche Viktoria Mathias abgeteuft wurde, fanden viele Zuwanderer aus dem Osten hier Arbeit. In den folgenden Jahrzehnten entstand im Segeroth ein „gemischtes" Viertel aus einfachen Arbeiterwohnungen, Arbeiterheimen und kleinen Betrieben. Die Rheinische Bahn errichtete einen Güterbahnhof. 1880 lebten hier 8000 Menschen, 1930 waren es über 30 000. Die KPD war hier immer die stärkste Partei, es kam häufig zu Straßenkämpfen mit rechten Gruppen. Nach 1933 kam die SA und „räumte" in ihrem Sinne in diesem Arbeiterviertel auf. Viele Kommunisten und Sozialdemokraten wurden zusammengeschlagen, verhaftet und verschwanden in den Gefängnissen. Durch die Nähe zu den Krupp-Werksanlagen wurde der Segeroth stark bombardiert. Häuser wurden zerstört und nicht mehr aufgebaut. In den 50er Jahren gab es Überlegungen, das Gelände für den Bau einer stadtnahen Hochschule zu nutzen. 1972 begann der Bau der „Gesamthochschule", der heutigen Uni Duisburg-Essen. Mit dem Ende des Bergbaus wurde die Rheinische Bahn stillgelegt und Güterbahnhöfe, Bahngleise, Bahndämme und Brücken zurückgebaut. Zwischen der Uni und der Stadt gibt es jetzt einen direkten Zugang. Ein stadtnahes Wohnquartier für „gehobene" Ansprüche ist seit 2011 im Bau. In der Mitte ist ein Grünzug mit Wasserbecken und Spielplätzen. Die alte Bahntrasse ist zum Rad- und Wanderweg von der Uni bis zur Stadtgrenze Schönebeck–Heißen ausgebaut worden.

Mit Fotos, die ich 1999 vom Parkdeck Karstadt gemachte habe, konnte ich diese ganze Entwicklung vom Arbeiterviertel zu einem neuen Stadtquartier mit der Uni dokumentieren.

Über die „Rheinische Bahn" führt der Pilgerweg am Werksgelände der ehemaligen Kruppschen Gussstahlfabrik vorbei. Es war ein großes dicht bebautes Industriegebiet, das sich im Süden von der Bahnstrecke Essen – Mülheim bis nördlich zur Grenze nach Altenessen hinzog. Hier waren viele Tausende Arbeiter in den Stahlwerken, Gießereien, Maschinenfabriken und im Lastwagenbau tätig. Die Krupp-Werke waren ein Hauptangriffsziel der Alliierten Bombenangriffe. 1945 waren die Betriebe fast vollständig zerstört. Nach dem Krieg sind noch brauchbare Teile für Reparationsleistungen abgebaut worden. Dazu kam der Strukturwandel und die Verlegung der Betriebe in andere Städte. Die ganze Fläche lag viele Jahre brach und war nicht zugänglich.

1990 begannen die Planungen für eine neue Nutzung als Naherholungsgebiet. 2006 – 07 wurden die Arbeiten in Angriff genommen. Die Industriebrache wurde in eine Parklandschaft mit Hügeln, Bäumen, Liegewiesen, Spielplätzen und dem See mit einer Bühne umgestaltet. 2009 ist ein Teilbereich fertig geworden. Die beste Sicht auf den Krupp-See und den Park hat man von der Brücke über die Helenenstraße. An schönen Tagen ist hier immer viel los! Der neue „Bertold-Beitz-Boulevard" verbindet die Altendorfer und die Bottroper Straße und entlastet so die B 224 vom Durchgangsverkehr. Hinter dem „BBB" auf einem großen Areal sind viele Konzernbereiche zur neuen

ThyssenKrupp Hauptverwaltung in einem Gebäudenkomplex zusammengefasst worden. Nach Norden hinter der „Pferdebahn" steht noch der einzige Förderturm der ehemaligen Zeche Helene Amalie. Sie erhielt den Namen nach Helene Amalie Ascherfeld, die mit Judokus Krupp verheiratet war. Nach dem frühen Tod ihres Mannes führte sie das Handelsgeschäft erfolgreich fort. Sie war auch an der „Gute Hoffnungshütte" in Sterkrade beteiligt. Als Großmutter von Friedrich Krupp wird sie von vielen Historikern als eigentliche Begründerin des Krupp-Imperiums angesehen.

 

An der ehemaligen Eisenbahnbrücke über der Helenenstraße ist auch eine Jakobsmuschel als Wegweiser auf der Rheinischen Bahn zu sehen.

Der Pilgerweg geht auf der Rheinischen Bahn weiter durch Altendorf, einem Stadtteil mit schwieriger Sozialstruktur: dichter alter Wohnbestand, starker Durchgangsverkehr und 20% Einwohner mit Migrationshintergrund. Es wurde dringend notwendig, das Wohnumfeld zu verbessern. Ein sichtbares Zeichen dafür ist der neue „Niederfeldsee" im Bereich Altendorf-Nord und Bochold-Süd. Alte leer stehende Häuser aus der Nachkriegszeit mit 180 Wohnungen wurden abgerissen und durch 62 Neubauwohnungen mit Blick auf den See ersetzt, umgeben von einer Grünanlage. Mit dem Fahrrad kann man von der Stadt gut hierher kommen. Der Radweg „Rheinische Bahn" führt mit einer eleganten Brücke über den See und teilt ihn in zwei unterschiedliche Teile. Insgesamt sind hier ca 10 Millionen Euro investiert worden. Dieser Teil Altendorfs ist zu einem guten Wohnquartier geworden.

An der Stadtgrenze Schönebeck – Heißen erinnert noch eine alte Eisenbahnbrücke mit zwei Gleisen an die alte Rheinische Bahn. 2015 wird hier der Radweg weitergebaut. Dann ist auch das letzte Stück „Bahn" zur Geschichte geworden.

Der weitere Pilgerweg führte durch Heißen mit einer Rast im Evgl. Gemeindehaus und dann weiter zur Kirche Maria Himmelfahrt auf dem Mühlheimer Kirchenhügel. Im November 2015 werden wir von der Wolfsburg in Mülheim bis zur Salvatorkirche in Duisburg pilgern.

15.03.2015  Günter Napierala, Altenessener Geschichtskreis

 

Die Bramme auf der Schurenbachhalde in Altenessen 


Die Bramme mit der breiten Seite und den Graffitis. Im Hintergrund links ist die Arena auf Schalke zuerkennen.
Das Foto ist am 20. Oktober 2008 gemacht worden.

Der Wanderweg auf der Schurenbachhalde von Norden ist schon ein besonderes Erlebnis. Der steile Weg ist an beiden Seiten mit Bäumen und dichten Sträuchern zugewachsen. Es ist fast so, wie auf einem Forstweg im Mittelgebirge. Wenn man  nach etwa einem Kilometer eine Höhe von 65 Metern geschafft hat, breitet sich eine große, schwarze Fläche vor dem Wanderer aus. Das Haldenplateau ist wie eine Mulde leicht nach innen geneigt. In der Mitte auf einer kleinen Kuppe steht die Bramme. Von weitem sieht sie noch unscheinbar aus. Erst aus der Nähe wird einem die riesige Dimension dieser Stahlplatte bewusst. An der Südseite, hinter der A 42, gibt es noch einen anstrengenden Aufstieg über eine sehr lange Treppe, sie ist eine gute Übungsstrecke für aktive Sportler.

Der Rundblick von der Halde ist eindrucksvoll: der Tetraeder und die Kokerei Prosper mit den Löschwolken in Richtung Bottrop, das große RWE – Kraftwerk und das Glaswerk in Karnap, die hohen Kamine von Scholven, die Fördertürme von Nordstern, in Richtung Gelsenkirchen die Hafenanlagen mit Speichergebäuden am Kanal, die Arena auf Schalke und die Innenstadt, nach Süden Kokerei und Zeche Zollverein und die Hochhäuser von der Essener Innenstadt.  Beeindruckend sind die vielen Halden, die im Umkreis zu sehen sind. Millionen Tonnen Waschberge haben das flache Emschertal radikal verändert und in eine Hügellandschaft verwandelt. Bei klarem Wetter und mit einem guten Fernglas sind auch die Hochöfen der Thyssenhütte am Rhein zu erkennen. Vom Rhein-Herne-Kanal hört man das Tuckern der Dieselmotoren von den vorbeifahrenden Frachtschiffen, von der Autobahn das „Dauergeräusch“ der vielen Autos.

Die Schurenbachhalde ist im Emscherbruch, in der ehemaligen Barkhover Heide aufgeschüttet worden. Durch dieses Feuchtgebiet floss damals der Schurenbach zur Emscher. Bei der Aufschüttung der Halde ist der Schurenbach verrohrt worden.
Heute hat die Emschergenossenschaft die Abwässer in Rohren um die Halde herum geleitet und für das Reinwasser ein natürliches Bachbett  neu gebaut. Der Bach schlängelt sich jetzt wieder um die Halde herum zur Emscher. Das ist auch ein gutes Zeichen für die Veränderungen im Ruhrgebiet.

 


Zum Foto: Ein Bild der Barkhofer Heide. Wo der Teich mit den spielenden Kindern ist, verläuft heute die A 42. Das Haus rechts befindet sich direkt hinter der A 42 – Brücke. Auf der linken Seite ist die Schurenbachhalde. Dort ist heute der Treppenaufgang zur „Bramme“. Über die Eisenbahnbrücke verlief die Strecke von Zollverein nach Nordstern. Darüber sind auch die Waschberge zur Halde transportiert worden. Nach dem Ende des Bergbaus wurde diese Eisenbahn nicht mehr gebraucht. Die Gleise sind abgebaut worden. Heute verläuft auf dieser Trasse ein „Superradweg“ von Zollverein bis zum Rhein-Herne-Kanal. Er wird gerne von Scatern und Radfahrern genutzt.
Das Foto ist aus der „Sammlung Archiv Barkhoff

In den 70-er Jahren wurde für den Abraum der Zeche Fritz eine Fläche gesucht. Das Gelände am Kanal, östlich der Zeche Fritz an der Heßlerstraße, schien geeignet. Die Genehmigung für eine neue Halde wurde erteilt. 1975 sind die ersten Waschberge abgekippt worden. In den folgenden 21 Jahren sind insgesamt 23,7 Mio. Tonnen Bergematerial abgelagert worden. Es kam mit der Eisenbahn von den Zechen Zollverein, Nordstern, Consol und Hugo.  Die letzten Waschberge sind am 25.10.1996 gekippt worden. Aus diesem Anlass fand eine „Abschiedsfeier“ statt.

Bei der Planung der Internationalen Bauausstellung „IBA – Emscherpark“ in den 1990-er Jahren, sind auch die vielen Halden im Ruhrgebiet mit einbezogen worden. Auf der Schurenbachhalde sollte eine „Landmarke“ aufgestellt werden, die die industrielle Geschichte des Ruhrgebiets zeigt.

Eine Auswahl von sechs Künstlern sollte Konzepte für Landmarken auf den Halden  entwickeln. Unter ihnen war auch Richard Serra aus New York. Serra hatte als junger Mann in einem Stahlwerk gearbeitet und so den Werkstoff Stahl kennen gelernt. Er studierte Kunst an der Universität New Haven, USA, bei Josef Albers aus Bottrop. Später wurde er sein Assistent und hat viele Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Bei ihm lernte er mit minimalen Formen große Kunst zu gestalten. Auf der Schurenbachhalde sollte die industrielle Vergangenheit des Ruhrgebiets mit Kohle und Stahl sichtbar werden. Es war eine lange Entwicklung mit vielen Entwürfen und Diskussionen. Serras Ideen fanden bei der IBA und dem KVR große Zustimmung. Nach seinem Entwurf entstand auf der Halde eine große, schwarze, nach innen leicht geneigte Fläche. Sie soll an Bergbau und Kohle erinnern. Genau im Mittelpunkt dieser „Mulde“ wurde die große 70 To. schwere Stahlbramme mit der Breitseite exakt in Ost – West – Richtung aufgestellt  Mit der kleinen Neigung  von 3° nach Süden entsteht der Eindruck: sie würde in den Boden versinken. Sie ist das Symbol für die Eisen- und Stahlerzeugung. Serra hat es geschafft, mit  minimalen  Ausdrucksformen ein großes Meisterwerk zu schaffen.

Bei der Herstellung der Bramme gab es viele Probleme. Alle Blockwalzwerke in Deutschland sind in den letzten 30 Jahren stillgelegt und abgebaut worden. Sie waren technisch überholt. Das letzte Blockgerüst in Deutschland auf der Henrichshütte in Hattingen wurde in den 1990-er Jahren verschrottet. Nur bei der Firma „Creusot-Loire-Industries“ in Chateauneuf gibt es heute noch ein Brammen-Blockwalzwerk, auf dem große Brammen bis 90 To. Gewicht und 900 mm Dicke gewalzt werden können. Die Anlage wurde 1932 von der Maschinenfabrik Sack in Düsseldorf – Raht gebaut  So ist also die „Bramme für das Ruhrgebiet“ in unserem Nachbarland Frankreich hergestellt worden. 

 

 Das Blockwalzgerüst in Chateauneuf mit einer Bramme. Das Foto ist aus der Internet – Seite von „Creusot-Loire-Industries“. Zwischen den beiden Walzanzeigern ist der Name Sack zu erkennen.
Die Firma „Gelenkwellenbau“ in Essen stellt seit Mitte der 1960-er Jahre schwere Gelenkwellen für Walzwerke her. Sie sind in allen Walzwerken der Fa. Sack und bei Creusot Loire seit vielen Jahren im Einsatz

Zur Geschichte der Bramme: In Le Creusot wurde um 1768 bereits Kohle abgebaut. Auf dieser Grundlage entstand auch eine Eisengießerei. Um 1836 hat die Familie Schneider die Fabrik übernommen und zum größten Industriebetrieb in Frankreich ausgebaut. Mitglieder der Familie waren „Kriegsminister“ in der französischen Regierung. Der „Kanonenbau“ wurde ein wichtiger Produktionszweig. In der gleichen Zeit wurden auch bei Krupp in Essen Kanonen gebaut. In den Kriegen zwischen Deutschland und Frankreich ab 1870 haben die Soldaten mit Kanonen aus Le Creusot  und Essen aufeinander geschossen. Schneider war immer ein großer Konkurrent von Krupp auf dem internationalen Waffenmarkt. Bis 1960 war die Familie auch Haupteigentümer der Firmengruppe. Nach dem Tode des letzten Mitglieds der Familie Schneider im Jahr 1960 sind alle Fabriken in der „Creusot Loire – Gruppe“ zusammengeschlossen worden. Das war die gleiche Entwicklung wie bei Krupp in Essen.

Die „Bramme für das Ruhrgebiet“ auf der Schurenbachhalde kommt also aus einer der früheren  großen „Waffenschmieden“  Franreichs. Sie erinnert uns auch daran, dass es seit 1945 zwischen  Deutschland und Frankreich keinen Krieg mehr gegeben hat. Eine so lange Friedenszeit von 71 Jahren hat es in der Geschichte beider Nachbarländer noch nie gegeben!

26.08.2016 Günter Napierala
Altenessener Geschichtskreis

 

Vom Kettenbuch zum Tango del Gruga
Aus der Geschichte des Bauernhofes Barkhof in Katernberg

Als in der Presse zu lesen war, der Erlebnisbauerhof in der Gruga, soll mit dem historischen Fachwerk des abgerissenen Gehöftes des Barkhofes errichtet werden, wurden Bürger aufgefordert ihr Wissen über diesen alten Bauerhof, im Essener Norden, mit zu teilen!
Die erste Nennung 1332 ist im „Kettenbuch“ des Stiftes Essen. Der Barkhof hatte  Schweine und Hafer an das Frauenstift zu liefern und wurde Küchengut der Stifts - Damen.

Eine weitere Nennung war im Bericht des Grenzganges aus Anlass des Besitzerwechsels des Schloss Horst, als die Fürstenbergs Nachbarn der „Barkhofs Wiesen“ wurden, am 30.7.1706 und dieser „Snatgang“ protokolliert wurde.

Auf der berühmten Karte des Mayor Lecoq aus dem Jahr 1805 ist der Barkhof und sein Nachbar Kuhlhof deutlich eingezeichnet. Die alten Begriffe, Barkhofs Busch und Barkhofer „Haide“ fanden bei den Bewohnern des Gebietes tiefe Verwurzelung im Sprachgebrauch. 
 
Im Zuge der Markenauflösung der Viehofer Mark wurde die Familie des Hofaufsitzers nun Eigentümer des Besitztums. Februar 1876 bat der Gutsbesitzer Johann Barkhof, mit der Eingabe von Bauzeichnungen um Genehmigung zur Errichtung eines modernen Kuhstalls. Adressat war der Bürgermeister Hoeren in Stoppenberg.

Aber schon im Jahre 1896 wurde durch die Zechengesellschaft „Hibernia“ eine Bergarbeiter- siedlung „auf dem Gelände das Colon Barkhof“, gebaut. Die Landwirtsfamilie baute ein neues Wohnhaus etwas südlicher der Bahntrasse der BME. (Bergisch-Märkische-Eisenbahn) Es war dann später ein Verwaltungsgebäude der Firma Olsberg.

Im Jahre 1908 bat die Hibernia, um Genehmigung zum Aufbau das bei einem Brand zerstörten Gehöftes. Nun wohnten Bergleute auf dem Barkhof, aber auch der beliebte Polizeimeister Püschel, der Wache Katernberg.

   

           Ansicht des Bauernhofes Barkhof von Süden in den 1960 er Jahren
Originalfoto von Hugo Rieth
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Neben dem Gehöft gingen die Schüler der Siedlung zur „Theod. Körner Schule“. Das Gebäude wurde im II. Weltkrieg zerstört. Heute findet man auf dem Hofgelände eine Hundeschule.

Der Kreis der Bewohner schließt sich mit dem beliebten Musiker Ferdinand Kisovar. Dieser begabte Folkwangkünstler lebte einige Zeit mit seinen Eltern auf dem Hof. Als Leiter des Bandonionorchesters Essen hat er den Bürgern viele schöne Musikstunden bereitet. Seine Komposition und die daraus entstandene CD machen immer noch Freude, vor allen Dingen der Tango del Gruga

 

 

Quellen: Archiv Barkhofsiedlung,  Essener Beiträge, Griese – Schloss Horst, W. Pryzibilla – Feuerwehr, Bandonionorchester Essen

17. August 2017,  Werner Bussick,  Altenessener Geschichtskreis

 


 

 

 

 

 

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